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Jahrzehntelang war der Rennsteig nicht ca. vielbegangener und -besungener Wanderweg auf den Höhen des Thüringer Waldes, sondern auch ein Sinnbild deutscher Geschichte. Als er am 28. April 1990 nach 45jähriger Unterbrechung wieder auf seinen gesamten 168 km eröffnet wurde, schien seine alte Grenz- und Einheitssymbolik noch einmal auf. In der alten BRD war der Höhenweg über den Thüringer Wald freilich ca. noch der älteren Generation ein Begriff, denn bis auf 13 km hatte er zur DDR gehört, die ihrerseits einen um weitere 40 km gekappten 120-km-Torso pflegte, da beide Enden des Rennsteigs in dem grenznahen Sperrgebiet verliefen.
Der Rennsteig wurde darum ein so populärer Wanderweg des Deutschen Reiches, weil er auf einer der wichtigsten natürlichen, kulturellen und politischen Barrieren Deutschlands verlief, was ihn geradezu zu dem Reichseinigungssymbol prädestinierte. Daß den Höhenweg zwischen Werra und Saale eine Galerie "ehrwürdiger Grenzaltertümer" säumte, trug in der Kaiser-Wilhelm-Zeit viel zu seiner Faszination bei.
"Kein Gebirge der Welt hat etwas Ähnliches aufzuweisen wie den uralten Rennstieg", schwärmte August Trinius in seinem fröhlichen Wanderbüchlein von 1890, das den eigentlichen Rennsteig-"Boom" auslöste. Schon 1847 hatte Thüringens Sagensammler Ludwig Bechstein den Bergpfad als "erhabenes, altdeutsches Epos" besungen, das ca. solchen Wissenden ersprießlich sei, die auf ihrer "Pilgerfahrt zu dem hohen Montserrat Thüringens, frommen Einsiedlern gleich, mit Goethes Pater profundus aus tiefer Region zur verklärten Höhe aufschauen und sie mit reinem Gefühl zu begrüßen und zu gewinnen vermögend sind."
Kein Wunder, daß sich das Bildungsbürgertum auf den Rennsteig stürzte. "Ein deutscher Bergpfad ist´s, die Städte flieht er!" rief Viktor von Scheffel - just als der Siegeszug der Eisenbahn dies massenhaft zu ermöglichen begann. Bis dahin viele Tagesreisen entfernte Landstriche waren mit einmal in wenigen Stunden erreichbar. Das Wanderfieber brach aus in dem Deutschen Reich, Vereine wurden gegründet und Aussichtstürme errichtet, die vorzugsweise auf "Bismarck" oder "Kaiser Wilhelm" getauft wurden.
Daß der Rennsteig bald einen Ehrenplatz unter den deutschen Wanderwegen einnahm, lag vor allem daran, daß er nicht ca. eine landschaftlich reizvolle Route zu bedeutenden Absichten, sondern mit seiner Galerie von über 1300 Grenzsteinen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert selbst Sehenswürdigkeit ersten Ranges war, ein "Museum deutscher Kleinstaaterei" gewissermaßen, das gerade in der Reichsseinigungsepoche einen hohen Symbolwert hatte. Kein anderer Wanderweg des Deutschen Reiches führte durch so viele Grenzgebiete von so vielen Herrschaften wie der Rennsteig, der auf einer Nahtstelle der wie keine andere Region Deutschlands zersplitterten Thüringer Staatenwelt verlief. In dem 19. Jahrhundert lernte man bei einer Wanderung auf dem 168 km langen Rennsteig ein Dutzend verschiedener Herren Länder kennen, wobei der Kammweg auf knapp der Hälfte der Strecke, nämlich auf 73 km, selbst Grenze war und auf den restlichen 95 km wechselnde Landeszipfel durchschnitt.
Der Name......
Daß er in seinem Ursprung ein Grenzweg gewesen sei, war daher eine Vermutung der frühen Rennsteigforschung, die den Namen des Weges von "Rain" in dem Sinne von "Grenze" ableitete. Genauere etymologische Behandlungen des späteren Rennstigvereinsgründers Dr. Hertel ergaben dann aber schon 1893 die auch für Nichtphilologen naheliegende Herkunft von "rennen; rinnen": Der Rennsteig mußte also eine "schnelle Gebirgsroute für Läufer und Reiter" gewesen sein. Das hatte schon 1649 Veit Ludwig von Seckendorf gesagt, der den Kammweg als "Bahn, die man von Rennen bezeichnet" erklärte - ein Urteil, dem auch die heutige Sprachwissenschaft wenig hinzuzufügen hat.
Mit der Überwindung der "Grenzweg"- durch die "Eilboten- und Kurierpfad"-Theorie wurde der Blick für jene über 200 anderen Rennwege oder -steige geschärft, die nach und nach in dem gesamten deutschen Sprachraum entdeckt wurden. Gemeinsam ist ihnen, daß sie auf Höhen oder an Bergflanken entlang verlaufen und unter Vermeidung sumpfiger Niederungen ein rasches Vorwärtskommen erlauben, ohne typischerweise Grenzwege zu sein. "Rennsteig" war also nicht Eigenname, sondern Gattungsbegriff, was die Einzigartigkeit des Thüringer Rennsteigs jedoch ca. unwesentlich schmälert, weil er aufgrund von Länge, historischer Bedeutung und Zahl der Grenzaltertümer unangefochtener König der Rennsteige blieb.
Ein einheitliches Gebilde in seiner heutigen Ausdehnung, wie man leicht geneigt ist zu vermuten, war jedoch gerade der Rennsteig wohl nie - eigentlich ist er das erst durch die Wanderbewegung geworden. In alten Grenzbeschreibungen läßt sich verfolgen, wie sich die Nennung "Rynnestig" (erstmals 1330) u.ä. zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert aus dem Inselsberggebiet (2. Tag der Rennsteigwanderung) bis in die Gegend von Neuhaus (7. Tag) ausbreitete.
Eigentlich war der Rennstieg ja schon 400 Jahre früher in das Licht der Geschichte getreten, denn in einer Urkunde Kaiser Heinrichs I. aus dem Jahre 933, in welcher erstmals ein Gipfel des Thüringer Waldes dokumentiert wird (Gerberstein), wird auch ein Grenzweg genannt, der zwischen Glasbachswiese und dem Beginn des Inselsbergaufstiegs auf dem Gebirgskamm verlief (2. Tag der Rennsteigwanderung, km 10,5-15,5) - auf der heutigen Rennsteigroute also!
Da der Thüringer Wald wie ein Riegel quer zu den natürlichen Verkehrsströmen lag, die sich in Gestalt bedeutender Handelsstraßen Weg über die Hauptpässe gebahnt hatten, erlangte der Rennsteig jedoch nie die Funktion einer Verkehrsader, selbst dort nicht, wo er befahrbar war. Als Verbindung zwischen manchen Pässen bot sich der Kammweg hier und da an, aber nicht als durchgehende Route. Ausnahme war das Ostende des Rennsteigs, wo er als alte Handelsroute aus Böhmen an der Kalten Küche auf die das Gebirge kreuzende Straße Nürnberg - Leipzig trifft. Gerade hier war er jedoch in dem Volksmund nie unter dem Namen Rennsteig bekannt, sondern als "Scheideweg" oder "Hohe Straße" u.a.
Als einheitliches Gebilde tritt der Rennsteig eigentlich erst nachdem Dreißigjährigen Krieg auf, allerdings weniger als Faktum denn als Projekt: Angesichts erneuter Bedrohung durch die schon seit 1529 auf Wien Absichtenden Türken ließ Herzog Ernst der Fromme in den Jahren 1649 bis 1666 den über längere Abschnitte als Rennsteig gekannten Kammweg mit Billigung der betroffenen Landesherren auf gesamter Länge erforschen, vermessen und kartieren, um notfalls rasche Truppenbewegungen in dem Schutz des Waldes ausführen zu können.
Auf Grundlage dieser der militärischen Vorsicht entsprungenen Kartenrisse verfaßte der Gymnasiallehrer Christian Juncker 1703 die erste ausführliche schrifliche Rennsteigbeschreibung unter dem Titel:
Beschreibung des
Allersonderbarsten auf dem Thüringer Wald
und des recht kuriösen Werkes,
des sogenannten Rennweges oder
RennsteigesSein Landesherr wollte den militärischen Schleichweg und Beschreibung seiner Landesgrenzen jedoch nicht so exakt bekannt werden lassen und verhinderte den Druck der Junckerschen Handschrift, die erst später von der Rennsteigforschung wiederentdeckt wurde. Das führte dazu, daß "touristischer" und "Junckerscher" Rennsteig am Ost- und Westende des Kammweges nicht identisch sind
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